KREUZWEG


VERURTEILEN

Jesus wird unschuldig verurteilt. Pilatus fragt ihn: „Was hast du getan?“ Jesus antwortet: „Ich bin in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme." (Vgl. Joh 18,35 -37) 

Hinweg, ans Kreuz mit ihm!“ - ruft die Menge. Warum? Weil man diese Wahrheit nicht ertragen kann, weil man ihr ausweichen will? Weil sie uns zu Veränderung in unserem Leben aufruft? Weil sie wunde Punkte aufdeckt? Warum wird oft so schnell beschuldigt und verurteilt? 

TRAGEN UND ERTRAGEN

Jesus wird das Kreuz aufgeladen, an dem er gekreuzigt werden soll. Ohne sich zu wehren, trägt er es wie die beiden anderen Angeklagten. Erinnert uns das nicht an seine frühere rätselhafte Botschaft: "Wer mein Jünger, meine Jüngerin sein will, nehme sein, nehme ihr Kreuz auf sich und folge mir nach?" (Vgl. Mt 16,24) 

Diese Worte klingen hart, sie laden nicht auf einen einfachen Weg ein. Die Aussage ist jedoch deutlich: Jesus trägt seine Last bis zum letzten Schritt. Er akzeptiert seinen Weg, den er als Aufgabe versteht, auch wenn er noch so schwer ist. Die Heilige Schrift sagt uns, dass er auch uns trägt, damit wir unsere Bürden tragen und ertragen können.

FALLEN

Ein Gefolterter mit einer so schweren Bürde! Besitzt er übermenschliche Kräfte? Jesus fällt hin, das Kreuz ist erdrückend. „Jesus war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest wie Gott zu sein, sondern er wurde den Menschen gleich.“ (Vgl. Phil 2,6-7) 

Jesu Hinfallen können wir als ein Zeichen seiner Solidarität mit uns Menschen verstehen. Wir stolpern und fallen oft im Leben. Jesus offenbart in diesem Geschehen, wie er mit den Schwachen fühlt, das Hinfallen, Durchfallen, Abfallen kennt. Wenn wir fallen, ist er uns nahe.

MITLEIDEN

Maria, die Mutter Jesu, ist von Mitleid ergriffen. Sie zieht sich in dieser Not nicht zurück, sondern zeigt ihrem Sohn, dass sie in allem zu ihm hält und mit ihrer Liebe bei ihm ist. Sie weicht nicht von seiner Seite, weicht dem sichtbaren Schmerz nicht aus, begleitet ihn und bleibt gegenwärtig. 


Leidet nicht auch noch heute das Mütterliche in und um uns, wenn Schweres uns bedrängt? So wie Maria ihren Sohn nicht allein lässt in seiner schwersten Stunde, so sind auch wir nicht alleingelassen im Schmerz. Die bedingungslose Liebe, wie sie Maria verkörpert, ist gegenwärtig. Sie kann uns Kraftquelle und Beispiel sein.

MITTRAGEN

Der Weg Jesu kreuzt sich mit dem Weg des überraschten Bauern Simon. Dieser ist vielleicht auf dem Weg nach Hause. Jetzt soll er einem „Verbrecher“ das Kreuz nachtragen. Simon weiss nicht, wer dieser zum Tod Verurteilte ist. Fraglos trägt er ihm das schwere Holz. 

Die Geschichte erzählt uns, dass Simon durch dieses Tragen verändert wurde. Wie werden wir verändert, wenn wir andere mit ihrer Last nicht allein lassen? Wenn wir - ohne lange zu fragen - den Bedrängten zur Seite stehen. Wenn wir mittragen.

NOT LINDERN 

Die Menge folgt dem spektakulären Schauspiel mit Spott, Gewalt, Grausamkeit und Neugier. Veronika, eine Frau am Weg, hat den Mut, aus der Masse auszubrechen. Sie reinigt und erfrischt das geschundene Antlitz Jesu. 

Menschen der Tat und des Mutes, Menschen, welche die Not nicht nur wahrnehmen, sondern sie auch lindern, braucht es zu allen Zeiten. Es können ganz schlichte Handlungen sein, wie jene von Veronika. Hat uns nicht Jesus selber gesagt: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder oder für eine meiner geringsten Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan?" (Vgl. Mt 25,40)

ZUSAMMENBRECHEN

Die Brutalität, die Ungerechtigkeit, die stets drückendere Last, der körperliche Schmerz lassen Jesus zusammenbrechen. Wie nahe ist uns Jesus in seiner Zerbrechlichkeit, Verwundbarkeit, Menschlichkeit...! Die Leute stehen herum, betroffen, unbeteiligt, neugierig, hilflos, wie Zuschauer bei einem Unfall. 

Wie verhalten wir uns in solchen Situationen? Oft macht unsere Ratlosigkeit uns passiv. Zusammenbrüche - jeder Art, fremde und eigene - stellen uns vor die grundsätzliche Entscheidung, ob wir uns dem Schwachen zuwenden oder uns von ihm abwenden.

MITGEFÜHL

Einige Frauen, welche Zeuginnen des Zusammenbruchs Jesu werden, sind im Innersten bewegt durch das Leid eines anderen - selbst wenn dieser Andere ein Verbrecher wäre. Sie stellen ihn nicht in Frage, sie stellen auch keine Frage nach Schuld oder Unschuld, sie sehen einfach den zerbrechlichen Menschen. 

Die vorherrschende Meinung der Mehrheit und (Vor-)Urteile haben sie nicht selbstgerecht und hart gemacht. Ihre Unvoreingenommenheit und ihr Mitgefühl können auch heute ein Vorbild sein. Mögen wir den Mut und die Sanftheit zum vorbehaltlosen Mitfühlen in uns bewahren.

AM BODEN LIEGEN

Jesus liegt regungslos am Boden. Wehrlos, entkräftet, erschöpft. Er liegt da, wie ein verlassener, gequälter Mensch, verbraucht, unbrauchbar geworden. Er liegt da, wie alle Menschen, die am Boden liegen. Er weiss, was es heisst, im Staub zu liegen. 

Es ist schwer, dieses Bild auszuhalten: Der Grenzen Überwindende, Lehrende, Heilende in solcher Wehrlosigkeit... Er hat diesen Weg angenommen, in Treue zu seinem Lebensauftrag. Er wehrt ihn nicht ab.

BLOSSSTELLEN

Am Ort der Hinrichtung angekommen, werden Jesus die Kleider vom Leib gerissen. Er wird blossgestellt, den Blicken der Vielen preisgegeben, schutzlos ausgesetzt. Jesus lässt auch dies über sich ergehen. Er steht auf gleicher Stufe mit den Geschändeten, den Gedemütigten, den Blossgestellten jeglicher Art. 

Wie oft entwürdigen Menschen einander durch Rücksichtslosigkeit, Schamlosigkeit, durch fehlenden Respekt - oft sogar, ohne es zu merken? Achten wir auf einen anderen Umgang unsererseits. Lassen wir nicht zu, dass andere schutzlos blossgestellt und verachtet werden.

FESTNAGELN

Jesus, der stets offen und in Freiheit gelehrt hat, wird festgenagelt. Wie ein Stück Holz, dessen man sich bemächtigt, über das man verfügt. Er wird gekreuzigt. 
Das Leben festnageln - ein grausames Vergehen, ein unvorstellbares Tun. Da sind sich viele einig. Und doch: Wenn wir andere an etwas festmachen, „aufhängen“, erbarmungslos festlegen, tun wir dann nicht etwas Ähnliches? 

Wie sehen die unsichtbaren Nägel aus, durch die Verwundungen zugefügt werden?

VERBINDENDE LIEBE IN DUNKELSTER NACHT 

Ein letzter Akt irdischer Liebe und Zärtlichkeit: Jesus bittet den Jünger Johannes, für seine Mutter zu sorgen und er bittet seine Mutter, Johannes an Sohnes statt zu nehmen. Beide weichen bis zum letzten Atemzug nicht von seiner Seite. Ein bewegendes und trauriges Bild, das dennoch, trotz allem Unausweichlichen, bezeugt: Wahre Liebe lässt uns selbst im äussersten Leiden nicht allein. Jetzt gibt Jesus sein Leben hin mit den Worten: „Es ist vollbracht.“ „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ (Vgl. Joh 19,30; Lk 23,45) 


Liebe und Verbundenheit machen Hingabe möglich.

UNSTERBLICHE LIEBE

Jesus wird vom Kreuz genommen und seiner Mutter in den Schoss gelegt. Ein erwachsener Mann, leblos im selben Schoss, der ihn einst getragen und geboren hatte. Ein Bild unsäglicher Trauer, unbeschreiblicher Zärtlichkeit und wortloser Verzweiflung. 

Maria liebt mit ihrem ganzen Wesen über den körperlichen Tod hinaus. So viel kommt in diesem stummen Umfangen zum Ausdruck: Es ist das Bild einer Liebe, für die der leibliche Tod keine Schranke ist.

LETZTE RUHE?

Joseph von Arimathäa und Nikodemus betten den vom Kreuz gelösten Jesus in ein Tuch und tragen ihn zu einer nahe gelegenen Grabstätte. Nun ist er endlich den neugierigen Blicken entzogen, fern dem Getümmel und Lärm. Ist das nun das Ende? 

Die Heilige Schrift verheisst uns, dass diese letzte Ruhe nicht das Ende ist: Aus den Händen, die das Leben Jesu aufgenommen haben, wird neues Leben erstehen.