DAS HUNGERTUCH


Während der Fastenzeit begleitet uns traditionell ein Hungertuch, das in den Kirchen aufgehängt wird. Diese Tradition geht weit zurück bis ins Jahr 1000. Der Name „Hungertuch“ kam davon, weil für viele die Fastenzeit ein echtes Hungern bedeutete. In dieser Zeit gingen die Wintervorräte, die Reserven vom Herbst, zu Ende. Wir kennen den Ausdruck „am Hungertuch nagen“. Das Hungertuch erinnert an den Vorhang, der die Bundeslade verhüllte. Ursprünglich hatte es in der katholischen Liturgie den Zweck, während der Fastenzeit - von Aschermittwoch bis Karfreitag – den Altarraum zu verdecken. In der Karfreitagsliturgie wurde das Tuch heruntergenommen – und zwar genau dann, wenn in der Passionsgeschichte davon berichtet wird, wie nach dem letzten Schrei von Jesus am Kreuz der Vorhang im Tempel von Jerusalem mitten entzwei riss. Das Verhüllen bedeutete eine Aufwertung. In den Kirchen der orthodoxen Christ*innen kennt man bis heute die ehrfurchtsvolle Verhüllung des Gottesdienstgeschehens. Zwischen Altar und Volk steht eine Bilderwand, die Ikonostase. Das Allerheiligste nicht sehen zu können, ist so etwas wie "Fasten mit den Augen". Früher war es auch üblich "mit den Ohren" zu fasten: Während der Fastenzeit schwiegen die Glocken und auch die Orgel. Neben der Verhüllung des Altarraumes entwickelte sich in vielen Gegenden eine reiche Bebilderung der Fastentücher. Die Bilder dienten vor allem der Katechese und Verkündigung für die leseunkundige Bevölkerung. Die bemalten Bilderfolgen wurden biblia pauperum, Bibel für die Armen, genannt. Mit der Reformation verschwanden die Hungertücher. In der Barockzeit wurden sie durch Passionsspiele, Fastenkrippen oder Kreuzwege ersetzt. 1976 erschien das erste neuzeitliche Hungertuch im Rahmen der ökumenischen Fastenkampagne. Man bemühte sich dabei auch um eine neue Sinndeutung der Fastenzeit. Die neuen Hungertücher setzen im Unterschied zu früher inhaltlich und gestalterisch ganz neue Akzente. Das Ziel ist in erster Linie nicht mehr eine Verhüllung des Altarraums. Das Hungertuch ist eine Art "Schaubild des Glaubens". Es vermittelt die Botschaft vom Tod Jesu und seiner Auferstehung durch die Kraft der Bilder und liefert so Impulse für die Vorbereitung auf Ostern. Den Hilfswerken geht es auch darum, ein neues Verständnis von Mission zu fördern und zum Teilen zu motivieren: Mission ist ein Dialog zwischen arm und reich. Es ist ein urchristliches Anliegen, materielle Gaben und auch den Glauben miteinander zu teilen.

Fastentuch 2021 

Das neue Fastentuch steht für Verletzlichkeit. Der Künstlerin Lilian Moreno Sanchez diente ein Röntgenbild als Grundlage. Auf diesem ist ein Fuss eines Menschen aus Chile zu sehen, der im Oktober 2019 gegen die soziale Ungerechtigkeit im Land demonstrierte und dabei verletzt wurde. Die Corona-Pandemie zeigt uns, wie das scheinbar „Sichere“ ins Wanken gerät. Unsere Schöpfung ist auch durch die Klimaerwärmung bedroht. Natur und Mensch stehen in gegenseitiger Verbindung, sie sind von einander abhängig. Eine intakte Schöpfung ist elementar für ein gesundes Leben. Die goldenen Blumen auf dem Fastentuch bringen zum Ausdruck, dass wir gerufen sind, aufzubrechen, solidarisch zu handeln und Wege zu suchen, um unsere Welt in kleinen Schritten zu verändern.